Berresgasse

Schaubild Wohnbau Berresgasse / Wien 22

Wettbewerb "Kriehubergasse", 1. Preis für ARTEC Architekten

Wettbewerb "Kriehubergasse", 1. Preis für ARTEC Architekten cover image

Uneven Growth

Bettina Götz, ARTEC Architekten
Essay im Rahmen der Veranstaltung „Uneven Growth: Tactical Urbanisms for Expanding Megacities”, MAK, Wien, 2015

 

Unsere jahrzehntelange, intensive Beschäftigung mit dem Wohnbau hat uns zwangsläufig zur Auseinandersetzung mit der „Stadt“ gebracht.

 

Wohnbau ist zwar eindeutig Inhalt und Baumasse des Stadtkörpers, aber genauso eindeutig generiert Wohnbau alleine keine Stadt. „Stadt“ ist großmaßstäbliche Organisation für einen (unendlich) langen Zeitraum, organisiert also alles was außerhalb der eigenen vier Wände passiert, öffentlich und veränderbar ist. Wohnen ist kalkulierbar - die menschlichen Grundbedürfnisse - Kochen, Essen, Waschen, Schlafen - haben sich noch nie geändert und es schaut auch nicht danach aus. Wohnstrukturen sind also abstrakt - typologisch aus den Anforderungen und technischen Erkenntnissen ihrer Bauzeit entwickelbar, die Anwendung im Einzelfall kann individuell, zum Beispiel an eine bestimmte Topografie, adaptiert werden.

 

Anders verhält es sich mit dem Faktor „Öffentlichkeit“. Es ist die prägendste aber ungreifbarste Komponente der Stadt, die von Mentalitäten bestimmte, besondere architektonisch-räumliche Charaktere ausformt, die wiederum von den täglichen Bedürfnissen ihrer Bewohner bestimmt werden. So entstehen emotionale Räume, die das Bild unserer Städte prägen und es sind diese emotionalen Räume, die uns in Erinnerung bleiben und unser Bild der Stadt definieren: zum Beispiel: Paris mit den breiten Boulevards, London mit den Vorgärten, Barcelona mit den einzigartig  abgeschrägten Ecken (Eixample) etc.

 

Städte schrumpfen oder wachsen, je nach demografischer Entwicklung und den politischen Zuständen in der Welt. Die europäische Stadt, als über die Jahrhunderte gewachsene Struktur, verkraftet diese Prozesse und behält trotz Wachstum oder Schrumpfung ihre Identität.

 

Architektur und damit auch die Stadt entwickelt sich durch neue Anforderungen weiter. Die wirklich neue Forderung des 21. Jahrhunderts ist die Stadt für eine Bevölkerung, die deutlich älter wird als frühere Generationen. Das ist eben nicht eine Frage der völligen Barrierefreiheit, sondern die Frage einer „schwellenlosen“ Öffentlichkeit von höchster architektonischer Aufenthaltsqualität.

 

Diese „Elastizität des Stadtkörpers“ ist es, was die Stadt vom Gebäude unterscheidet. Ein einzelnes Gebäude kann als Solitär vom Auftraggeber in seiner Funktion definiert, vom Architekten fix und fertig geplant und gebaut werden. Das Gebäude als Teil der Stadtstruktur kann niemals „fertig“ sein. Die Stadtstruktur muss in sich immer genug „Luft“ für Unvorhersehbares beinhalten, bei gleichzeitiger Erschaffung identitätsstiftender Öffentlichkeit. Und dafür muss auch in neu zu errichtenden Städten oder Quartieren Platz sein. Und dieser „Raum“ ist nicht funktionell und auch nicht mit Quadratmeterzahlen fassbar. Weil er aber auch nicht keine räumliche Fläche braucht, scheint es uns adäquat dafür unter dem Begriff „unfertig“ Reserven vorzusehen. Reserven aber nicht allein für später ergänzbare Nutzflächen, sondern auch für räumliche Qualitäten, die emotionalisieren.

 

Formale Kriterien oder die Definition einzelner Gebäude im Zusammenhang mit Städtebau sind obsolet, die (teilweise realisierten) Masterpläne der (europäischen) Stadterweiterungsgebiete der letzten Jahrzehnte beweisen die Mangelhaftigkeit. Der öffentliche Raum als Raum der Teilhabe, als erweitertes Wohnzimmer, Erholungsraum, Touristenattraktion oder was immer, einfach als Ergebnis und Mehrwert einer sinnvollen Stadtstruktur, als zusätzliches, nicht kommerzielles Angebot für seine Nutzer macht Stadt erst lebenswert.